Lebensberichte
Zeugnis von Rudi Walter PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 06. Januar 2009 11:01

Im Gefängnis der Spielsucht

Er hatte eine schöne Kindheit und Jugend mit fünf Geschwistern. Seine Eltern waren wohlhabend. Der Vater verdiente sein Geld unter anderem mit Teppichverkauf und Brillantenhandel. So erzählt mir Rudi, der mich mit seiner deutschen Frau Claudia an einem Samstag besucht. Rudis Vater war von 56 Familienmitgliedern, die in Auschwitz im KZ inhaftiert waren, einer der sechs, die überlebten. 1982 bekam er mit 55 Jahren Lungenkrebs. Alle in der Familie wussten, dass er sterben würde. Das hat Rudi so betroffen gemacht, dass er nicht mehr arbeiten konnte – er war damals Textil-, später Autohändler – und einen Selbstmordversuch unternahm. „Ich konnte einfach nicht begreifen, dass mein Vater dem KZ entkommen war und nun an Krebs sterben sollte. Und ich konnte das Elend nicht mehr ertragen, ihn so leiden zu sehen. Sechzehn Monate lang pflegten sie den Vater zu Hause. Dann starb er. „Bei seiner Beerdigung, als sie den Sarg ins Grab senkten, bin ich mit ihm gestorben. Und von da an änderte sich mein ganzes Leben: Ich wurde depressiv und fing an Roulette zu spielen, meine Zeit am Spielautomaten zu verbringen und Alkohol zu trinken.“ Nichts davon hatte Rudi zuvor getan. Schon bald war er täglich im Spielkasino. Das war jetzt sein Lebenssinn. „Ich war süchtig und verspielte mein Erbe, das Erbe meiner Frau, das Geld meiner Mutter, meine Autofirma." Wie hat Claudia das alles verkraftet? „Als die Sucht begann, waren wir gerade mal zwei Jahre verheiratet und hatten eine zwei Monate alte Tochter. Es war schlimm. Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam, konnte es passieren, dass ein Teppich oder das Fernsehgerät weg war, weil mein Mann alles nur Mögliche verkaufte, um Geld für seine Spielsucht zu bekommen. Und arbeiten musste ich, denn meinen Mann interessierte nicht, ob wir was zu essen hatten oder nicht. Wenn er zum Spielen ging, war er ein anderer Mensch. Sein Gesicht war verzerrt. Wenn er vom Spielen kam, sagte er Claudia: „Jetzt ändert sich alles, wir bezahlen jetzt alles.“ Aber das waren immer leere Versprechungen.Wenn ich alles verspielt hatte, hatte ich einige Tage Ruhe. Dann regte sich die Sucht wieder“, erklärt Rudi. Schon morgens fing er an zu zittern. Er wurde ein Spezialist im Geldauftreiben. „Mit der Zeit konnte ich das aber nicht mehr zurückzahlen. Nicht einmal mehr die Zinsen. Das war ein Teufelskreis.“ Oft war er tage- und nächtelang weg.Rudi bekam Morddrohungen, seine Frau und Tochter waren in Gefahr. Einmal wurde er sogar verfolgt, weil er das Geld nicht zurückzahlen konnte, das er sich von früheren Geschäftspartnern geborgt hatte. Die Tochter hasste ihren Vater. Sie bekam ja mit, wie er sich mit seiner Frau stritt, wenn er Geld von ihr wollte und sie ihm keines gab, wie er sie bedrohte oder die Wohnung zertrümmerte auf der Suche nach Geld. Claudia: „Ich musste mir immer neue Verstecke ausdenken. Sogar im Waschpulver habe ich Geld versteckt.“ Erst mit 18 Jahren konnte die Tochter ihrem Vater vergeben, als er sich bei ihr entschuldigte und sie um Vergebung bat. Im April 1994 wollte Rudi nicht mehr leben. „Ich liebte meine Familie nicht mehr, mein Leben hatte keinen Sinn mehr, die Sucht hatte mich fest im Griff. Ich hasste mich dafür, dass ich so war wie ich war. Dass ich meine Frau so oft angelogen hatte. Fünf Jahre lang hatte er Hilfe bei Menschen gesucht. Aber niemand konnte ihm helfen. Im Herbst jenes Jahres traf er einen Sinto, der 17 Jahre drogenabhängig gewesen war. „Der wurde von heute auf morgen frei – ohne Therapie, ohne Entgiftung, ohne Entzug. Den kannte ich schon über 20 Jahre. Er kam zu mir und predigte mir das Evangelium. Ich habe ihm kein Wort geglaubt.Aber er war frei geworden und hatte auch ein ganz anderes Gesicht. Nach ein, zwei Wochen war er immer noch frei. Er lud ihn mehrmals in eine Gemeinde ein. Schließlich gab Rudi nach und ging mit. „In der Gemeinde sah ich Sinti, von denen ich wusste, dass sie Verbrecher waren. Ich kannte sie nämlich. Und nun sangen die ‚Halleluja’ und weinten. Ich ging ja in die Gemeinde, weil ich Hilfe suchte. Doch als ich die sah, dachte ich: Die brauchen Hilfe, nicht ich.“

Nach dem Gottesdienst fuhr Rudi mit dem Vorsatz nach Hause: Diese Wahnsinnigen werden mich nie mehr sehen. „Überall, wo ich sie die Tage danach traf, erzählten sie von Jesus. Sie zeigten sich sogar selbst beim Finanzamt an und verlangten bei Geschäftsabschlüssen plötzlich Rechnungen. Das begriff ich nicht, dass die von heute auf morgen so anders waren. Der eine trank keinen Alkohol mehr, der andere rauchte nicht mehr, wieder ein anderer nahm keine Drogen mehr. Die hatten Frieden im Herzen.“

Kurz darauf schrie Rudi in einer Nacht zum ersten Mal in seinem Leben von ganzem Herzen zu Jesus: „Wenn es dich wirklich gibt, dann nimm mir meine Spielsucht weg. Vergib mir meine Sünden, gib mir meine Familie wieder. Aber ich möchte, dass du mich befreist.“ Und dann spürte er die Gegenwart Jesu hautnah.

Am Morgen sagte er zu seiner Frau: „Gott war bei mir!“ Daraufhin packte sie ihre Sachen, weil sie dachte, er sei jetzt ganz verrückt. Und seine Angehörigen glaubten, er sei von einer Sucht in eine andere gefallen.

Noch tagelang war er nach diesem Erlebnis verwirrt. Sein Kopf war leer, weil alle Gedanken an die Spielsucht weg waren. „Es war, als wäre mein Gehirn gelöscht. Die Suchtgedanken waren weg und kamen seither nie mehr wieder. Jesus hat mich auch vom Alkohol befreit, ohne Entzugserscheinungen.“

Claudia erinnert sich: „Eine Nachbarin kam zu mir und fragte: ‚Wie kommst du denn damit zurecht, dass du einen ganz neuen Mann hast?’ Alle hatten Angst vor ihm gehabt, weil er so unsympathisch, unfreundlich und aggressiv gewesen war. Nun war er von einem Tag auf den anderen total verändert: Er gab Menschen die Hand, umarmte sie, setzte sich zu einem Obdachlosen und erzählte ihm von Jesus. Er sang beim Einkaufen, weil er einfach nicht fassen konnte, dass Jesus ihn befreit hatte.“

Zwei Wochen später entschied sich auch Claudia für ein Leben mit Jesus. Aber die nächsten fünf Jahre waren eine schlimme Zeit für beide, weil sie die Schulden zurückzahlen mussten – und wollten. Rudi arbeitete als Hilfsarbeiter im Stahlbau. „Es war mir alles egal, Hauptsache, Jesus hatte mich von meiner Sucht befreit.“

Heute besteht Rudis Lebenssinn darin, Menschen von Jesus zu erzählen, sie zu lehren und für den Dienst für Jesus zuzubereiten. Er unterrichtet an drei Bibelschulen in Rheinland-Pfalz und Tschechien, die er gegründet hat. Von den insgesamt 45 Bibelschülern sind 18 Sinti und Roma. Er ist an der Gründungsarbeit von Gemeinden seines Volkes in Deutschland und Tschechien beteiligt gewesen, die er regelmäßig besucht. Zurzeit macht er nebenher eine Ausbildung zum Pastor. Und Claudia unterstützt ihn dabei, wo sie nur kann.

Das Gespräch mit Claudia und Rudi Walter führte Monika Büchel


 

 
Aus dem Sinti Volk Ausgestossen PDF Drucken E-Mail
Samstag, 26. Juni 2004 00:00

Das ist die Geschichte wie ich (Rudi Walter) aus der Volksgemeinschaft der Sinti Ausgestoßen
wurde.

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